Dienstag, 5. Juli 2016

Warum Artenkenntnis die Grundlage für jeden Naturschutz ist

mare-mundi setzt sich in seinem Bildungsprogramm für mehr Artenkenntnis über und unter Wasser ein.
von Robert Hofrichter



Noch vor wenigen Jahrzehnten zogen begeisterte Jungbiologen „massenhaft“ durch die Landschaft, beobachteten mit ihren Ferngläsern und Lupen alles in ihrer Umgebung und notierten die Ergebnisse eifrig in Artenlisten. Denn Artenkenntnis ist das Große Einmaleins der Biologie. Bevor man ein ganzes Gebäude studieren kann (Ökologie, Meeresbiologie, ganze Ökosysteme), muss man zuerst die einzelnen Bausteine kennen – und das sind die Arten. Zusammenhänge verstehen kann man erst danach.

Doch die Artenkenntnis schwindet zusehends selbst unter Biologiestudenten, weil Lehr- und Studienpläne an Schulen sie kaum mehr vorsehen und Exkursionen zum Erfahrungen sammeln immer weniger angeboten werden.

Ein Schüler untersucht an der mare-mundi Station Krk eine Planktonprobe aus dem Meer: Die allergrößte Vielfalt wird erst unter dem Mikroskop sichtbar, und da stellt sich die Frage: Was ist das überhaupt?

Irgendetwas stimmt da mit den Lehrkonzepten der Ministerien nicht, meinen viele Biologen.
Unsere Meeresschutzorganisation mare-mundi.eu mit ihren biologischen Stationen auf Krk (Punat) und Kreta (Plakias) kennt die Problematik gut. Denn uns besuchen Schulen aus verschiedenen Ländern im Rahmen ihrer Schulprojektwochen Meeresbiologie oder mit allgemeineren naturwissenschaftlichen Themenschwerpunkten. Viele Lehrer bemühen sich, doch die Lehrpläne sehen keinen Unterricht mehr über Systematik, Carl von Linné, binäre Nomenklatur, Übersicht der Tierstämme und ähnliche Themen vor. Unser Team muss daher oft beim Großen Einmaleins der Biologie beginnen. Bei manchen Schulen erleben wir, dass 16-jährige Gymnasiasten noch nie von Schwämmen, Nesseltieren, Gliederfüßern, Weichtieren oder Chordatieren als Tierstämmen gehört haben. Wenn man aber nicht einmal den Tierstamm kennt und keine Ahnung von der biologischen Systematik hat, erscheint es sinnlos sich mit Artbestimmung zu beschäftigen. Und damit fällt auch eine ernst zu nehmende Ökologie weg, denn für sie müsste man Organismen auf Artniveau erkennen.

Winzige, mit freiem Auge unsichtbare Wunder unter dem Mikroskop: Naupliuslarve eines Krebstiers (Crustacea). An der mare-mundi Station Krk werden den Schülern auf Wunsch der Lehrer die Grundlagen der Meeresbiologie und zoologischen Systematik vermittelt.

Um die Lücken des offiziellen Bildungssystems zumindest ein wenig zu füllen und den Lehrern Unterstützung zu geben, bietet mare-mundi Schulen aus allen deutschsprachigen Ländern die Möglichkeit Schulprojektwochen am Meer (beispielsweise an der Station Krk) durchzuführen – oder aber (vorerst vor allem in Österreich) auch biologische Workshops direkt in den Schulen im Heimatland zu organisieren. Und auch eine Kombination aus beiden Varianten ist möglich: Zuerst bauen wir in vorbereitenden Einheiten in der Schule ein gewisses Wissen über Tierstämme auf (das geht in wenigen Stunden), dann wird dieses bei einer Schulprojektwoche am Meer vertieft. Dabei können die Schüler die Organismen lebend beobachten, schnorchelnd im Meer und in den Meeresaquarien der mare-mundi Labors. Die Geheimnisse der kleinen Tierchen werden durch Mikroskopie vermittelt (Plankton, Sandlückenraum/Mesopsammon und andere). Auf Wunsch der Schule kann mare-mundi auch Leistungsgruppen Biologie auf hohem Niveau betreuen, z. B. Maturaklassen. Und auch Universitäten können bei uns ihre Meeresbiologiekurse durchführen.

Nicht nur die Meerestiere müssen erkannt und bestimmt werden! Ein Gänsegeier (Gyps fulvus) fliegt an der Steilwand der unbewohnten Insel Plavnik (nördliche Kvarner Bucht).  Die Schüler lernen bei mare-mundi nicht nur wie die Art heiß, sondern auch, dass die Vögel zu den Altweltgeiern zählen, 2,7 m Flügelspannweite erreichen und ein stark zersplittertes Verbreitungsgebiet haben. Auch die Bestände in Kroatien sind bedroht, da es stellenweise immer weniger Schafzucht gibt – Geier brauchen Kadaver, wenn sie überleben sollen.
Um auf die Problematik der schwindenden Artenkenntnis aufmerksam zu machen, hat der Naturschutzbund Österreich in seinem Magazin Natur&Land (Heft 2/2016) dies als Schwerpunktthema zum Inhalt einer ganzen Ausgabe gemacht: Artenkenntnis – eine verlorene Kompetenz?
Robert Hofrichter und mare-mundi lieferten dazu den Beitrag:
Artenkenntnis: Das Große Einmaleins der Biologie
Ob Blumenwiese, Bach oder Korallenriff – ohne Artenkenntnis geht nichts.
NGOs wie Naturschutzbund und mare-mundi.eu versuchen damit Lücken im Bildungssystem zu füllen. Ambitionierte Lehrer sind uns dafür dankbar. Ihre Schüler schnuppern da in jene wunderschöne, vergessen scheinende Welt hinein, die noch vor 20 und 30 Jahren das Wesen eines Biologiestudiums ausgemacht hat: Fernglas, Notizblock, Lupe und die Frage: „Welche Art ist das?“
Besuchen auch Sie uns mit ihrer Schule und bieten sie ihren Schülern diese Chance! Vielleicht wird einer von ihnen Biologe, der dabei Hilft, wieder ein gesundes Gleichgewicht im umfassenden und stetig wachsenden Wissen der Biologie zu finden.

Da Großmöwen in der Regel erst im vierten Jahr ihr definitives Kleid bekommen (manche sogar später), könnte man als ornithologischer Laie annehmen, in der Kvarner Bucht fliegen verschiedenste Möwenarten herum. Doch sind es immer Mittelmeermöwen (Larus michahellis), die an unserem kleinen „Expeditionsschiff“ Kosljun vorbeifliegen, gelbbeinige Großmöwen, die lange Zeit als Unterart der Silbermöwe angesehen wurden, später dann als eine Subspezies der „Weißkopfmöwe“. Am Ende stellte sich heraus, dass es die „Weißkopfmöwe“ gar nicht gibt; wie die Biowissenschaftler sagen, handelte es sich um ein paraphyletisches Taxon, und man teilte diese Form in die Mittelmeer- und Steppenmöwe auf. Den Schülern mag es zwar wie sinnlose Haarspalterei vorkommen, was verständlich ist, wenn man von der Materie wenig versteht. Doch ist es für den Artenschutz entscheidend Arten überhaupt einmal zu kennen.