Charta für das Mittelmeer: Unser Meer – unsere Sorge

am 23. Mai 2013 von 20 Wissenschaftlern in Pula unterzeichnet

Vor dem Hintergrund ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der mediterranen Meeresforschung kommen die Unterzeichner dieser Charta zum Schluss, dass die ökologischen Probleme des Mittelmeeres, das bereits vor 2000 Jahren als mare nostrum (unser Meer) bezeichnet wurde, brennender sind denn je. Sie weisen darauf hin, dass trotz der Veröffentlichung unzähliger wissenschaftlicher Studien und der Unterzeichnung vieler internationaler Abkommen die meisten erforderlichen Maßnahmen zum Schutz des Mittelmeeres nicht oder nur unzureichend umgesetzt wurden.

Zu den bereits bekannten Problemen wie Eutrophierung, Verschmutzung durch Schwermetalle, Rohöl und Pestizide sowie Überfischung und Zerstörung natürlicher oder naturnaher Lebensräume kommen eine Reihe neu erkannter Belastungen wie Plastikmüll, Lärm, Versauerung des Meeres sowie Einschleppung gebietsfremder Arten und Klimawandel hinzu. Diese vielfältigen Aspekte ziehen negative, sich gegenseitig verstärkende Effekte mit unabsehbaren Folgen nach sich, die von der Bedrohung einzelner Arten bis hin zur Vernichtung ganzer Lebensräume führen können.

Die Beweislage für das Bestehen dieser Problematik ist mehr als ausreichend. Es ist nicht erforderlich, neue Studien durchzuführen oder kostspielige Konferenzen zur Entwicklung neuer Strategien abzuhalten, um die Probleme erneut zu definieren oder bereits bekannte Lösungsvorschläge zu wiederholen. Es reicht, die existierenden Beschlüsse umzusetzen.

Trotz negativer Trends in vielen Problembereichen und umfassender ökologischer Beeinträchtigungen ist das Mittelmeer gebietsweise noch in einem Ausmaß intakt, dass die Umsetzung von Schutzmaßnahmen unmittelbar positive Wirkung hätte und in jedem Fall sinnvoll wäre. Von den Küstengebieten über das offene Meer bis hinab in die Tiefsee wird jede umgesetzte Maßnahme zur Erholung des mediterranen Ökosystems und damit zur Steigerung der Lebensqualität und zum wirtschaftlichen Erfolg aller Anrainerstaaten führen.

Die unterzeichnenden Wissenschaftler fordern von der EU sowie von den zuständigen nationalen und internationalen Behörden und Institutionen, die existierenden Aktions- und Strategiepläne für das Mittelmeer endlich umzusetzen.
Derzeit sind bloß wenige Prozente der Fläche des Mittelmeeres als Schutzgebiete ausgewiesen. Neben der konsequenten Einhaltung der Schutzbestimmungen sollten weitere kleinräumige und deshalb rasch durchsetzbare Schutzzonen eingerichtet werden. Die meisten marinen Arten haben ein beträchtliches Verbreitungspotenzial. Ein dichteres Netz kleinräumiger Schutzgebiete wird daher die Bestände auch in nicht geschützten Bereichen deutlich erhöhen. Die Erfahrungen zeigen weltweit, dass sowohl Fischereiwirtschaft als auch Tourismus von solchen Maßnahmen profitieren.

Die Weiterentwicklung des Tourismus muss verantwortungsvoll erfolgen und nicht auf Kosten der noch existierenden natürlichen Lebensräume. Nur auf diesem Wege kann für die Bevölkerung der Mittelmeerländer ein nachhaltiger wirtschaftlicher und ökologischer Erfolg erzielt werden.

Das Meer ist durch Plastikmüll und dessen Zerfall zu toxischem Mikroplastik enorm belastet. Das gesamte marine Nahrungsnetz wird dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Dieser Tatsache muss durch eine Reduktion des Kunststoffabfalls, durch technologische Innovation, forciertes Recycling und raschen Umstieg auf leicht abbaubare Materialien entgegen gewirkt werden.
Gezielte Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und Erziehung sollen dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein und die individuelle Verantwortung zu fördern und zu verstärken. Wir rufen jeden Einzelnen auf, seine persönliche Verantwortung wahrzunehmen und die im eigenen Wirkungsbereich möglichen Schritte zu setzen.

Die beteiligten Meereswissenschaftler unterzeichnen diese Charta in der Überzeugung, dass die unterbreiteten Vorschläge umsetzbar sind und einen effektiven Beitrag zur Bewahrung des mediterranen Lebensraums und seiner Artenvielfalt zu leisten vermögen – zum Wohl und vielfältigem Nutzen des Ökosystems Mittelmeer und der Anrainer dieses einzigartigen Meeresbeckens.

Dr. Robert Hofrichter (mare-mundi.eu, eine gemeinsame Initiative von mare-mundi.eu und der Meeresschule Pula)
Mag. Gerwin Gretschel (Meeresschule Pula, Universität Graz)
Univ. Prof. Dr. Christian Sturmbauer, Dr. Stefphan Koblmüller (Universität Graz)
Univ. Prof. Dr. Robert Patzner, Dr. Horst Moosleitner (Universität Salzburg)
Doz. Dr. Michael Stachowitsch, Dr. Reinhard Kikinger (Universität Wien)
Dr. Daniel Abed-Navandi (Haus des Meeres, Wien)
MMag. Ivo Gallmetzer
sowie weitere Wissenschaftler: Dr. Armin Svoboda, Dr. Hubert Blatterer, Dr. Carsten Müller, Dr. Peter Dworschak, Dipl. Biol. Bastian Brenzinger, BSc. Johannes Salvenmoser, Alexander Heidenbauer, Prof. Vladimir Miljević, Mag. Clemens Stecher, Dipl. Biol. Kerstin Blassnig, Maximilian Wagner, Ruth Fraissler, Mag. Alexandra Haselmair, Dipl. Biol. Tessa Böttcher, MSc. Janina Goetz

- Englische Version: Charter for the Mediterranean Sea: Our sea – our concern, signed on 23 May 2013 in Pula by 20 marine scientists
- Französische Version: Charte pour la Méditerranée: Notre mer - notre préoccupation, signé le 23 mai 2013 à Pula par 20 scientifiques de la mer
- Spanische Version:  Capitulo para el mar Mediterráneo: Nuestro mar — nuestra preocupación, firmado por 20 científicos marinos el 23 de mayo 2013 en Pula
- Italienische Version: Carta per il Mar Mediterraneo, Nostro mare - nostro interesse, firmata il 23 Maggio 2013 a Pola da 20 scienziati marini